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Problemlöser für die Branche

Strategische Entwicklung entsteht immer außerhalb des Tagesgeschäfts

Auslöser für ein neues Geschäftsfeld kann ein Blick über den Tellerrand sein. Gerhard Naujoks erkannte ein Problem seiner Branche und entwickelte einen zwingenden Nutzen. Für die Umsetzung erhielt er den Strategiepreis 2017 für die beste Innovation. Eine Zusammenfassung von Thomas Rupp.

NaujoksWie eine plötzliche Änderung der Perspektive ein neues Geschäftsfeld eröffnete, zeigt das Beispiel von Gerhard Naujoks. Es beweist, dass die Chancen quasi „im Vorgarten“ liegen können, ohne dass sie als solche wahrgenommen werden. Für die Umsetzung seiner Strategie-Entwicklung wurde Naujoks jetzt mit dem Strategiepreis 2017 für die beste Innovation ausgezeichnet.

Hat man einmal etwas erkannt, fragt man sich häufig: Warum bin ich da nicht schon früher drauf gekommen? Erkenntnis hat ganz offensichtlich etwas mit der Bereitschaft und Fähigkeit zu tun, seine Perspektive zu wechseln und einmal aus einer anderen Richtung auf die eigene Situation zu schauen. Dies korrespondiert mit der Forderung regelmäßig AM statt – wie so oft – ausschließlich IM Unternehmen zu arbeiten. Dies kann nur gelingen, wenn man den – naturgemäß – beschränkten Horizont des Tagesgeschäfts von Zeit zu Zeit erweitert.

Naujoks überprüfte die ordnungsgemäße
Funktion und Sicherheit von Feuerlöschern.

Bis zum Jahr 2000 bestand das Tagesgeschäft Gerhard Naujoks aus der Überprüfung und Wartung von Feuerlöschern. Seit über 30 Jahren war er autorisierter Partner des Feuerlöscher-Herstellers GLORIA. Der Hintergrund: In nahezu allen gewerblichen Unternehmen, in Industrie, Handwerk, Handel, Hotellerie und Gastronomie sowie Dienstleistungen ist das Vorhalten und Bereitstellen von Feuerlöschgeräten und Feuerlöschtechnik gesetzlich bzw. durch Verordnungen und Vereinbarungen vorgeschrieben.

Zum gesamten Komplex gibt es eine schier unübersichtliche Zahl von versicherungstechnischen, berufsgenossenschaftlichen und anderen branchenspezifischen Regelwerken.

Naujoks Job bestand darin, die ordnungsgemäße Funktion des Feuerlöschers wie auch die Sicherheit des Benutzers – wie gesetzlich gefordert – alle zwei Jahre zu überprüfen. Nach erfolgreicher Überprüfung wurde diese durch eine Prüfplakette auf dem Feuerlöscher bestätigt. Er wartete, prüfte und ersetzte also auf eigene Rechnung selbst oder anderswoher gelieferte Feuerlöscher.

Diese Prüfung ist übrigens für Betreiber von Feuerlöschern seit Januar 2008 eine Pflichtveranstaltung. In der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) liest man in geschmeidigem Amtsdeutsch: „Feuerlöscher sind Druckgeräte, die als überwachungsbedürftige Anlagen bzw. als Arbeitsmittel wiederkehrend auf Betriebssicherheit zu prüfen sind.“ Der “Arbeitgeber/Betreiber muss eine Gefährdungsbeurteilung/sicherheitstechnische Bewertung“ durchführen. Dazu beauftragt er eine „befähigte Person mit der wiederkehrenden Prüfung.“ Das Überprüfen und Erteilen der Prüfplaketten wird von zertifizierten Dienstleistern privatwirtschaftlich geleistet.

So viel zum früheren Tätigkeitsfeld Gerhard Naujoks. Wie kam es jetzt zum Perspektivwechsel? Obwohl es keine gesetzlich vorgeschriebene Mindesteinsatzdauer gibt, wird empfohlen, Feuerlöscher nach spätestens 25 Jahren auszutauschen und durch neue Geräte zu ersetzen. Als Dienst am Kunden sammelte Naujoks die ausgedienten Feuerlöscher und brachte sie in Chargen von 50 Stück zu einem regionalen Entsorger.

Naujoks Interesse richtete sich plötzlich auf einen
Aspekt, der außerhalb der Routineabläufe lag.

Das heutige Unternehmen Gerhard Naujoks entstand aus einer einzigen Frage heraus. Im Rahmen des Tagesgeschäfts werden i.d.R. keine grundlegenden Dinge in Frage gestellt, da Prozesse hier reibungslos ablaufen müssen. Dazu ist ein gewisser Tunnelblick durchaus sinnvoll. Nur die Optimierung der Prozesse selbst ist vielleicht eine Option, um sie noch effizienter zu machen.

Das Interesse Naujoks richtete sich aber plötzlich auf einen Aspekt, der außerhalb der Routineabläufe lag. Er stellte sich die Frage: Was passiert eigentlich mit den ausgedienten Feuerlöschern beim Entsorger? Ich betone das deshalb so explizit weil es so trivial ist. Aber diese Frage und die dazugehörige Antwort brachten einen Perspektivwechsel und setzen einen mentalen Prozess in Gang. Die lapidare Antwort des „Entsorgers“ lautete: „Die kommen auf die Deponie – so wie sie sind.“ Damit hatte Naujoks nicht gerechnet. Die Feuerlöscher bestehen aus Stahl und anderen hochwertigen Metallen und Kunststoffen. Zudem enthalten sie das eigentliche Löschpulver.

Diese Information führte zu einem mentalen Dominoeffekt, der plötzlich den Horizont des Tagesgeschäfts „wegsprengte“. Naujoks schossen zwei Gedanken durch den Kopf: 1) Ist diese Art von Entsorgung nicht womöglich umweltbelastend? 2) Sind das nicht hochwertige Rohstoffe, deren Recycling sich „lohnt“?

Ad 1: Naujoks erinnerte sich an das so genannte „Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG)“ aus dem Jahr 1994. Feuerlöscher gelten demnach als „besonders überwachungsbedürftiger gefährlicher Abfall“ und „Sonder-Abfall“. Die gesetzeskonforme Entsorgung alter Feuerlöscher muss von amtlich zuge-lassenen und zertifizierten Fachleuten bescheinigt werden. Ganz offensichtlich lagen hier Verstöße in Legion vor.

Naujoks realisierte sofort, dass alle Prüfdienste und alle kommunalen und privaten Sammelstellen in Deutschland und europaweit plötzlich ein wirklich „brennendes“ Problem hatten. Damit war die Zielgruppe und eines ihrer gravierenden Probleme gefunden. Naujoks überlegte jetzt, wie er dieses Problem nachhaltig lösen könnte. Jetzt sind wir – weit außerhalb des Tagesgeschäfts – auf der Entwicklungsebene angekommen. Hier ist kreatives, innovatives, intuitives, visionäres Arbeiten gefragt.

Ad 2: Gerhard Naujoks begann zu experimentieren. Er zerlegte die Altgeräte in ihre Bestandteile und versuchte, die verschiedenen Materialien zu separieren und sortenrein zur Wiederverwertung vorzubereiten. In einem Feuerlöscher sind ganz offensichtlich eine Menge Rohstoffe verbaut: Gewebegummi, Hart-PVC, HDPE und Mischkunststoffe, Stahl, Druckkartuschen und verschiedene Metallsorten wie Edelstahl, Aluminium und Messing.

So weit so gut. Knifflig wurde es bei der Frage: Wohin mit dem Löschpulver? Dieses besteht hauptsächlich aus Stickstoff und Phosphat. Wer die Mewes Strategie kennt, hat auch schon von Justus von Liebig und dem von ihm entdeckten Minimumgesetz gehört. Kennt man dieses, wird schnell klar, dass es sich bei Stickstoff und Phosphat um grundlegende Nährstoffe für das Pflanzenwachstum handelt. Genau das erkannte auch der gelernte Landschaftsgärtner Gerhard Naujoks. Könnte man das Pulver etwa einfach als Dünger auf den Acker kippen?

Leider ist es dann doch nicht ganz so einfach. Um die gewünschte Löschwirkung zu erzielen, wird das Feuerlöschpulver mit Silikaten ummantelt. Und mit diesen Silikaten ist das Pulver als Dünger wertlos. Naujoks nahm die Herausforderung an und entwickelte eine innovative Lösung, die gleichzeitig den Dünger perfektionierte.

Dazu besorgte er sich Kaliumschlamm-abfall aus der Biodieselherstellung. Dieser wird zusammen mit dem Feuerlöschpulver verarbeitet. Im Verarbeitungsprozess wird die Silikat-Ummantelung aufgerieben. Als Endprodukt entsteht ein so genannter NPK-Mixdünger. „N“ steht dabei für Stickstoff, „P“ für Phosphat und „K“ für Kalium. Ideal ist der Dünger für Grünland, Maisanbau und Rhododendronaufbereitung. Wenn man heute bei Aldi im Frühjahr oder Herbst Rhododendrondünger kauft, ist der Naujoks Dünger dort anteilig enthalten.

Die LRD wurde bald als Entsorgungsexperte
in der gesamten Branche bekannt.

Im Jahr 2005 – also rund fünf Jahre nach dem Aha-Erlebnis beim Entsorger – gründete Gerhard Naujoks die Firma LRD Umweltdienste GmbH & Co. KG. Das Geschäftsmodell ist weitgehend selbsterklärend und löst für viele seiner Kunden ein brennendes Problem. Heute holt die LRD – gegen Bezahlung – europaweit täglich rund 5.000 Feuerlöscher beim Verbraucher ab und führt diese einer sach- und umweltgerechten Verwertung zu. Dafür erteilt sie dann die amtlich vorgeschriebene Recycling-Nachweis-Bescheinigung. Der Metallschrott wird bei den Metallschmelzen zum marktüblichen Gegenwert versilbert.

Naujoks Dienstleistung sprach sich schnell herum. Doch nicht nur die Entsorgung von Feuerlöschern wurde nachgefragt. Die LRD wurde bald als Experte für die gesamte Branche gehandelt und so kamen weitere Aufgaben auf das junge Unternehmen zu. Denn nicht nur die Entsorgung des Löschpulvers bereitete Schwierigkeiten.

Hinzu gesellten sich bald Löschgase wie CO2 oder auch Halon. Dafür hat die LRD eine eigens dafür konzipierte Anlage entwickelt, die z.B. altes Halon aufbereiten und einer weiteren Nutzung zuführen kann. Ebenso gibt es zunehmend flüssige Löschmittel und Schaumlöschmittel, mit deren Entsorgung sich die LRD professionell auseinandersetzt.

Bald wurde die Wiederverwertungskapazität zum Engpass und Naujoks baute die Logistik systematisch aus. Inzwischen erwirtschaftet das Unternehmen mit 35 Mitarbeitern und einer Flotte von vier speziell darauf ausgestatteten Lkw-Zügen einen Jahresumsatz von rund 3 Mio. Euro. Das Unternehmen wächst weiter. Kürzlich wurde ein Generalvertrag mit einem großen Feuerlöschgeräte Hersteller abgeschlossen.

Weitere Infos:
www.lrd-umweltdienste.de

 

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