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Ohne ein Zukunftsbild können Sie nicht führen

Interview mit dem führenden Zukunftsmanager Dr. Pero Mićić

Eine Menge authentischer Erfahrungsberichte namhafter Unternehmen über ihre Zusammenarbeit mit der FutureManagementGroup AG brachte bei den 12. Eltviller Zukunftstagen in der Pyramide Mainz einen spannenden Einblick in verschiedene Aspekte des Zukunftsmanagements. Thomas Rupp hatte im Rahmen der Tagung die Gelegenheit, für das Strategie Journal mit Dr. Pero Mićić, dem Gründer und Vorstand der Eltviller Zukunftsmanager zu sprechen.

Herr Dr. Mićić, um die bevorstehende Entwicklung zuzuspitzen, hatten Sie kürzlich einmal provokativ gefragt: „Wofür braucht die Maschine noch den Menschen?“ Ist das nicht ein wenig zu früh, um darüber nachzudenken?

Dr. Mićić: Diese Aussage war eigentlich gar nicht so provokativ gemeint. Schauen Sie doch mal, was Maschinen heute schon können: Maschinen können besser erkennen, ob etwas wahr ist oder nicht. Sie lernen extrem viel schneller als der Mensch, sie werten tausende Dokumente in Sekunden aus und beraten besser als der Mensch. Sie kommunizieren inzwischen selbständig, sprechen Sprachen, schreiben Romane. Es gibt bereits ein Programm, das Witze erfindet, über die Menschen tatsächlich lachen können.

Die Maschine soll für den Menschen nützlich sein.
Sie soll von ihm geschaffen und betrieben werden.

Maschinen kreieren Musik, denn das Komponieren ist algorithmisierbar. Maschinen verwalten besser als der Mensch: Die Auswertung von Kreditanträgen bei J.P. Morgan, die früher 360.000 Arbeitsstunden brauchte, wird heute in wenigen Minuten erledigt. Maschinen treffen Entscheidungen schneller und präziser, auf der Grundlage riesiger Datenströme ... Und diese Entwicklung ist in vollem Gange.

SJ: Um ehrlich zu sein: bei aller Faszination beängstigt mich das eher.

Dr. Mićić: Die Maschine soll für den Menschen nützlich sein. Sie soll von ihm geschaffen und betrieben werden. Und natürlich ist das die Antwort auf die eingangs gestellte Frage: „Wofür braucht die Maschine noch den Menschen?“ Genau dazu! Beängstigend wird es erst, wenn sich das umdreht. Wenn sich Künstliche Intelligenz selbst beauftragt.

SJ: Das ist ein Aspekt ... Aber allein eine solche Dominanz der Maschine im Berufsleben, wertet doch den Menschen und seine Fähigkeiten gravierend ab!?

Dr. Mićić: Was wir Menschen physisch können, ist enorm z.B. eine Hand mit all ihren Funktionen kann gegenwärtig noch nicht nachgebaut werden. Einzelne Bewegungen und Funktionen der Hand jedoch können Systeme inzwischen schon besser ausführen als das Original. Ähnliches gilt für unsere kognitiven Fähigkeiten. Die Maschine verfügt noch lange nicht über die Breite dessen, was ein Mensch alles kann. Maschinen und Werkzeuge haben von Anfang – quasi in die Tiefe gehend – einzelne Funktionen erfüllt.

Aber die digitale Technik hat sich in den letzten 20 Jahren extrem weiter entwickelt und wird das auch in Zukunft tun. Die kognitiven Fähigkeiten von Maschinen entwickeln sich im Rahmen der künstlichen Intelligenz. Die physische Entwicklung geschieht im Bereich der Robotik.

SJ: So gesehen, scheint es dann wirklich nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der Mensch zumindest in Bezug auf seine heutigen Tätigkeiten obsolet wird ...

Dr. Mićić: Ja, wenn man diese ganzen Fähigkeiten und Kompetenzen im Bereich Robotik und Künstlicher Intelligenz aneinander reiht, dann könnte man meinen, die Maschinen erobern eine Fähigkeit nach der anderen. Negativ ausgedrückt: Sie fressen von unten her die Wertschöpfung auf. Das beginnt bei den einfachen algorithmisierbaren Tätigkeiten und Fähigkeiten und führt zu immer anspruchsvolleren Aufgaben. Und das ist ein Prozess, von dem keiner weiß, wie lange er dauert.

Es ist besser, sich Zukunftsfragen überhaupt
zu stellen als sie offen zu lassen.

Die einen sagen eine exponentielle Entwicklung voraus und glauben, in 12 Jahren ist das alles erledigt. Die anderen verweisen auf die langsame Entwicklung über Jahrtausende hinweg und glauben: so schnell wird das nicht kommen. Wie lange es auch immer dauern mag. Wir können zumindest davon ausgehen, dass es diese Entwicklung gibt.

SJ: Werden also in Zukunft immer mehr Menschen durch Maschinen ersetzt? Auch bei anspruchsvollen und qualifizierten Tätigkeiten?

Dr. Mićić: Ob jemand ersetzt wird oder nicht, hängt davon ab in welchem Umfang seine Tätigkeit bzw. welcher Teil seiner Tätigkeit durch einen Algorithmus erledigt werden kann. Das betrifft ja i.d.R. nicht den gesamten Arbeitsplatz, sondern einen gewissen Zeit- oder Tätigkeitsanteil.

Generell kann man sagen: Besonders gefährdet sind niedrig bezahlte Jobs. Vorausplanbare physische Tätigkeiten – wie Serienproduktion und -montage – sind zukünftig nicht mehr wirtschaftlich durch Menschen ausführbar. Dem folgen analog die vorausplanbaren administrativen Tätigkeiten wie Sachberabeitung, die mittel- bis langfristig zum größten Teil von der Maschine ausgeführt werden. In der nächsten Stufe werden dann regelmäßige kreative Tätigkeiten wie Design, Konzeption, Lehre oder sachliche Beratung zumindest stark durch die Künstliche Intelligenz unterstützt werden.

SJ: Und was bleibt ... ?

Dr. Mićić: Je mehr emotionale und soziale Fähigkeiten für einen Job benötigt werden, desto eher sind solche Aufgaben langfristig dem Menschen vorbehalten.

SJ: Ok, wenn diese Entwicklung tatsächlich so käme, dann stellt sich für mich die Frage: Wie gehe ich mit der Situation um – und zwar als Unternehmen aber auch als Individuum?

Dr. Mićić: Also ganz generell ist es besser, sich dieser Frage überhaupt zu stellen – sie gemeinsam mit dem Team, mit Mitarbeitern, mit Kollegen zu diskutieren und zu beantworten – als sie offen zu lassen. Es ist besser, eine Vorstellung davon zu entwickeln, was wir uns in der Zukunft wünschen und dafür ein glaubwürdiges und robustes Zukunftsbild zu entwickeln als zu sagen: Das kann doch niemand wissen!

Haben wir ein Zukunftsbild entwickelt, das die wahrscheinlichen Zukunftsannahmen reflektiert und sich auch mit der einen oder anderen potenziell unerwarteten Entwicklung beschäftigt, dann haben wir damit einen Fixpunkt, zu dem wir hinführen können. Bei der FutureManagementGroup nutzen wir dazu das Eltviller Modell mit den verschiedenen Zukunftsbrillen.

Die Beschäftigung mit der Zukunft verwandelt
unreflektierte Sicherheit in reflektierte Unsicherheit.

SJ: Was meinen Sie mit „der einen oder anderen potenziell unerwarteten Entwicklung“? Wenn ich mich damit beschäftige, ist sie ja nicht mehr unerwartet?

Dr. Mićić: Genau das ist der Zweck der Sache: Wenn ich – quasi als Kür – in Simulationen und Gesprächen überlege, was auch außerhalb des Korridors des Wahrscheinlichen passieren könnte – wir nutzen dafür die rote Zukunftsbrille – dann werde ich im Optimalfall von der Zukunft weniger überrascht. So kann ich mir quasi Zeit kaufen, mich vielleicht sogar gegen die eine oder andere Entwicklung immunisieren.

Man könnte sagen: Die Beschäftigung mit dieser Thematik verwandelt unreflektierte – also quasi trügerische – Sicherheit in reflektierte Unsicherheit. Letztere bringt paradoxerweise mehr echte Sicherheit. So entstehen Leidenschaft und Sehnsucht, die Zukunft aktiv zu gestalten.

SJ: Der Ansatz gefällt mir ... und wahrscheinlich kann man so auch Mitarbeiter eher motivieren am Zukunftsprojekt mitzuarbeiten. Denn man hilft ihnen ja dabei, ihre neue Rolle in der Zukunft zu finden...

Dr. Mićić: So ist es. Wissen Sie: Der Begriff Führung impliziert ja eine gewisse Bewegung. Und Bewegung führt zu einem wie auch immer gearteten Ziel. Wenn man dafür aber kein Bild hat, das man den Menschen anbieten kann, dann führt man nicht wirklich.

Das wichtigste Werkzeug ist das, was Aufmerksamkeiten ausrichtet und das ist eine ewige, zumindest periodische Baustelle. Ein klares und positives Zukunftsbild, hinter dem alle Mitarbeiter stehen können, wirkt wie ein Erfolgshebel.

SJ: Haben Sie abschließend noch einen Tipp, wie sich so ein Bild ganz einfach entwickeln lässt?

Dr. Mićić: Nehmen Sie ein Datum … z.B. den 2. Februar 2025! Stellen Sie sich einmal vor, dieser Zeitpunkt wäre gekommen. Wie alt werden Sie da sein? Stellen Sie sich jetzt folgende Fragen: Was will ich an diesem Tag nicht bedauern? Wofür will ich mich nicht schämen? Worüber will ich mich freuen? Worauf will ich stolz sein?

Diese Fragen zielen genau da hin, was wir unter Vision verstehen. Dabei geht es eben nicht nur um das physisch Sichtbare, was man in Worten leicht beschreiben und in Bildern zeichnen kann. Es geht um das Gefühl, das wir an diesem Tag oder dieser Zukunft haben wollen über uns selbst oder unser Unternehmen.

Das kann in einem Jahr, in 10 oder in 30 Jahren sein. Und um dieses Bild wirksam zu gestalten, ist es sinnvoll, die zukünftige Entwicklung unserer Welt nicht aus den Augen zu verlieren. Denn letztlich sind wir es alle, die gemeinsam Zukunft gestalten.

Kontakt:
Dr. Pero Mićić
FutureManagementGroup AG
Wallufer Straße 3a - 65343 Eltville
Tel (06123) 60 109-0
Office@FutureManagementGroup.com
www.FutureManagementGroup.com

 

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