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Nicht tot, aber kraftlos

Ein Auszug aus dem Buch „Standard ist tödlich“ von Jürgen R. Schmid

Jürgen R. Schmid hat schon lange aufgehört, sich Gedanken zu machen, ob etwas „normal“ ist oder nicht. Und damit, was andere für möglich halten und was nicht. Er ist ein Querdenker und stolz darauf. Der mit über 160 internationalen Preisen ausgezeichnete Schwabe gehört mit seinem Unternehmen Design Tech zu den TOP10 der deutschen Produktdesigner. Als Experte für Hightech-Industrieprodukte und den modernen Maschinenbau hat er täglich mit sogenannten Standards zu tun. Diese Standards sind als Hilfsmittel der kontinuierlichen Verbesserung durchaus sinnvoll. Aber letztlich sind sie der Feind jeglicher Innovation: „Sie sind das Letzte, von dem unsere Wirtschaft heute mehr braucht. Die Standards begrenzen die Unternehmen schon jetzt wie die Gitterstäbe den Löwen im Käfig. Die Folge ist der schleichende Stillstand. Denn jeder Fortschritt braucht Raum“, so Schmid in seinem neuen Buch „Standard ist tödlich“. Mit seinem visionären Blick beobachtet er – neben der Designwelt – auch die Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft.

Neuer Blick bringt weiter

Wenn Sie aus der immer gleichen Richtung auf etwas schauen, dann werden Sie nie etwas Neues entdecken. Der Eindruck bleibt immer der gleiche. Sie haben keine Chance zu erfassen, was hinter dem steckt, was Sie sehen. So bleibt Ihnen auch die Gefahr verborgen. Offensichtlich wird diese erst dann, wenn Sie Ihren gewohnten Blickwinkel verlassen und einen neuen einnehmen.

Alles, was mit Gestalten zu tun hat, was über das
Gewohnte hinausgeht, ist im Sparmodus unmöglich.

Am besten treten Sie dazu einen, zwei oder viele Schritte zurück. Vergrößern Sie den Abstand, denn dann bekommen Sie einen Gesamtblick. Jenseits von Detaillösungen, Machbarkeit und Herstellkosten erkennen Sie, warum die Standardlösung keinen voranbringt und welche Lösung wirklich zukunftsfähig ist. Wahrer Fortschritt liegt jenseits aller Standards.

Eine Voraussetzung gibt es allerdings, damit Sie sehen, was Sie bisher noch nicht gesehen haben: Es ist die Fähigkeit und die Bereitschaft zur offenen Wahrnehmung. Denn Sehen und Wahrnehmen sind nicht ein und dasselbe: Die Wahrnehmung erfordert die Akzeptanz dessen, was Sie sehen. Nur das, was Sie auch wahrnehmen, dringt wirklich bis zu Ihrem Bewusstsein vor und lässt Sie erkennen, wie es ist. Manchmal bringt schon eine vorurteilsfreiere Herangehensweise neue Einsichten.

Es ist also theoretisch einfach, sich auf neue Perspektiven einzulassen und andere Einblicke zu bekommen. Und doch tun dies so wenige. Der Grund dafür ist, dass es mit Unsicherheit verbunden ist, die wir intuitiv meiden. Wenn Sie sich auf einen neuen Standpunkt begeben, verlassen Sie den sicheren Grund und begeben sich auf geistiges Neuland. Denn von diesem neuen Standpunkt heraus entdecken Sie neue Ansichten und entwickeln neue Ideen. Und neue Ideen haben es so an sich, dass sie anfangs noch unvollkommen sind.

Strengen Diskussionen halten sie in dieser Phase oft noch nicht stand. Sie brauchen Zeit, sich zu entwickeln. In der Zwischenzeit sind Sie mit Ihrer neuen Idee angreifbar. Da wird Ihr Ansatz mit der Standardlösung verglichen, die Risiken werden der scheinbaren Sicherheit des Bewährten gegenübergestellt. Die Vorteile der neuen Lösung werden vom Tisch gewischt, denn Sie können sie ja noch nicht garantieren.

Doch wenn Sie sich nie vom Gewohnten lösen und sich lieber mit der Standardlösung zufriedengeben, dann kann nichts Neues entstehen. Damit machen Sie gerade in diesen Tagen Ihr Risiko ungleich größer. Wir haben uns mit einer neuen Welt der Technologie und Gesellschaftsentwicklung auseinanderzusetzen.

In dieser neuen Welt können Sie mit alten Lösungen nicht gewinnen. Wenn wir im globalen Wettbewerb bestehen und unseren wirtschaftlichen Führungsanspruch behaupten wollen, dann brauchen wir dringend zukunftsfähige Lösungen.

Denken und handeln im Sparmodus

Viele Menschen leben jedoch überwiegend im Stand-by-Betrieb: Wann immer möglich, schaltet das Gehirn seine Leistung auf Sparmodus. Und wie beim Stand-by bedeutet das: Nicht ganz an, aber auch nicht ganz aus. Nicht tot, aber kraftlos.

Es ist nicht so, dass der Sparmodus das Gehirn von Denkprozessen entlastet, wie es zum Beispiel in der Meditation passieren soll. Das bewusste Freimachen von Gedanken ist extrem anstrengend. Als ich meine ersten meditativen Versuche machte, brachte ich nicht die Konzentration auf, auch nur zehn Sekunden an gar nichts zu denken.

Daraufhin habe ich mich bewusst beim Denken beobachtet und zwei Dinge sind mir aufgefallen: Erstens produziere ich ständig Gedanken – selbst wenn ich nicht bewusst über etwas nachdenke. Und zweitens sind die Gedanken, die mir während des Sparmodus kommen, komplett unproduktiv. Diese Spargedanken drehen sich immer nur im Kreis. Sie bringen mich kein Stück voran.

Das ist ein wichtiges Kennzeichen des Sparmodus: Er erzeugt keine Vorwärtsbewegung. Nicht im Denken und nicht im Handeln. Denn was für die Gedanken gilt, gilt auch für das Tun. Sie können im Sparmodus unglaublich beschäftigt sein: mit Abarbeiten von vorgefertigten Aufgaben, mit Fernsehen, mit Jammern über das Wetter und andere Dinge, die Sie eh nicht ändern können und so weiter. Das sind alles Tätigkeiten, die Sie im Stand-by hervorragend bewältigen können. Doch mit diesen halten Sie sich bestenfalls auf Ihrem aktuellen Niveau.

Alles, was weitergeht, was mit Gestalten zu tun hat, was über das Gewohnte hin-ausgeht, ist im Sparmodus unmöglich. Jeder Stand-by-Betrieb ist in diesem Sinne unproduktiv.

Energierückgewinnungssystem

Es ist auch nicht so, dass unsere Energiespeicher wie Batterien funktionieren, die sich durch Benutzung ausschließlich in eine Richtung entladen und daher zu schonen sind. Bleibt man in der Analogie, dann ist der Mensch mehr wie ein Akku mit Energierückgewinnungssystem: Während wir kraftvoll Energie investieren, erzeugen wir allein mit diesem Tun Energie, die zu uns zurückfließt. Der Rückfluss wird unter anderem erzeugt über Freude an der Arbeit, über Stolz, über Anerkennung oder über körperliche Bewegung.

Ich merke das an mir selbst: Wenn ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag erschöpft erst mal auf die Terrasse setze, dann werde ich an diesem Abend nichts mehr zustande bringen. Ein gutes Buch? Ein spannendes Gespräch? Selbst nach ein oder zwei Stunden Ruhe kann ich mich dazu nicht mehr aufraffen. Wenn ich mich dagegen sofort aufs Fahrrad setze und noch ein paar Kilometer zurücklege, bin ich wieder fit und habe Lust auf einen angeregten Abend.

Es ist deutlich bequemer, wenn Sie das tun, was andere
vorgeben. Eigene Spuren hinterlassen Sie dabei nicht.

Der Sparmodus entwickelt also nur ein Eigenleben, aber keine Energie. Der scheinbar so energieeffiziente Modus führt erst recht in den Energieverlust. Und die Auswirkungen sind noch ernsthafter: Wenn wir dauerhaft im Stand-by bleiben und unserem Akku keine Energie mehr abziehen, dann wird er unbrauchbar. Er bringt immer weniger und weniger Leistung, bis er schließlich völlig aufgibt. Und obwohl uns dieses – aus grauen Urzeiten stammende – Sparprogramm heute schadet, lassen wir es gewähren. Und erziehen auch noch unsere Kinder in diesem Sinne. Diese merken dann schnell: Es lebt sich deutlich bequemer, wenn sie das tun, was andere vorgeben, als wenn sie gegen den Strom schwimmen. In dieser Erfahrung werden sie dann im weiteren Verlauf ihrer Jugend bestätigt …

Sparsam gebildet

Die Erziehung zum Durchschnitt setzt sich in der Schule fort und wird verstärkt. Ich hatte einen Klassenkameraden, der ein kluger Kopf war. In Mathe und Physik schrieb er nur Einsen. In diesen Fächern bekam er Druck von den Lehrern, weil er sie mit seinen intelligenten Fragen aus ihrem eigenen Sparmodus zwang.

Andere Fächer dagegen wie zum Beispiel Geschichte haben ihn einfach nicht interessiert und entsprechend waren seine Noten. Dafür bekam er ebenfalls Druck. Bis er sich auf eine Vier gerettet hatte. Nur wer sich mit Leistung und Verhalten schön im Mittelmaß bewegt, bleibt in der Schule von dem Druck verschont. So trimmt unser Bildungssystem schon die Kinder gezielt auf soliden Durchschnitt bis hin zur Unauffälligkeit. Abweichungen aller Art werden geahndet.

Diese Erziehung prägt den Charakter. Es wird normal, die Erwartungen anderer zu erfüllen, statt selbst zu gestalten. Gleichzeitig wird den Kindern ausgetrieben, was sie eigentlich auszeichnet: die Spielfreude, der innere Antrieb, die Welt zu entdecken und ihr Potenzial zu entwickeln.

Ich habe vier Kinder, und es war mir bei allen eine Freude zu sehen, wie sie sich Stück für Stück die Welt erschlossen haben. Die ersten Monate lagen sie einfach auf dem Rücken oder dem Bauch. Sie wurden gut versorgt und hatten es bequem – doch das reichte ihnen nicht. Sobald sie bewusst in dieser Welt angekommen waren, wurden sie unzufrieden und wollten mehr.

Als Erstes kämpften sie schwer, bis sie es schafften, sich umzudrehen. Sobald sie das gelernt hatten, wollten sie weiter: Sie wollten sich vom Fleck bewegen. Also mühten sie sich nach Kräften, das Krabbeln zu lernen. Und dann wollten sie auf zwei Beinen laufen. Natürlich scheiterten die ersten Versuche und auch die nächsten. Ein Rückschlag folgte dem anderen. Doch keines hat daraufhin das Laufenlernen aufgegeben und sich mit dem Gedanken getröstet: „Was soll’s? Geh ich halt weiter auf allen vieren. Schließlich komme ich so auch voran.“

Geistige Ruheständler verzichten auf Diskussionen
zu strittigen Themen, denn Widerspruch ist mühsam.

Ich kenne viele Erwachsene, die genauso auf Rückschläge reagieren. Doch ein Kleinkind gibt nicht auf. Und das, obwohl es weder Disziplin noch Drill kennt. Es ist die innere Freude am Tun, die es antreibt und eine Neugier auf das, was es selbst erreichen kann. Der Sparmodus hat noch keine Chance.

So erarbeiten sich die Kinder aus der kombinierten Kraft aus Neugier und Freude heraus Fähigkeit um Fähigkeit. Sie lernen laufen und sprechen. Schubladen aus- und auch wieder einräumen. Lesen und schreiben. Ich finde es interessant zu beobachten, dass bei den meisten der Sparmodus dann zu greifen beginnt, sobald sie diese Fähigkeiten für sich erobert haben: Wenn sie laufen können, werden sie lauffaul. Wenn sie aufräumen können, werden sie Schlamper. Wenn sie lesen können, legen sie die Bücher weg. Der innere Antrieb ist erlahmt. Das Trägheitsprogramm entfaltet seine Wirkung für die erlernte Fähigkeit.

„Die werden das schon richten“

Ich kann nicht sagen, ob ein Mensch automatisch unglücklich wird, wenn er sich schon mit 30 Jahren in den geistigen Ruhestand verabschiedet. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er von dort aus nichts gestaltet. Schließlich muss er sich in diesem Sparzustand ganz automatisch jeder echten Diskussion entziehen: Zu einer Ausein-andersetzung gehört Widerspruch.

Doch Widerspruch ist mühsam. Und Mühe mag der Sparmodus gar nicht. Folgerichtig verzichten die geistigen Ruheständler auf Diskussionen zu allen strittigen Themen. Wann immer Widerspruch zu erwarten ist, verzichten sie lieber darauf, einen klaren Standpunkt zu äußern. Stattdessen lehnen sie sich in ihrem Sessel oder ihrem Stuhl im Meetingraum zurück, klinken sich aus dem Gespräch aus und lassen die anderen denken, was sie wollen. Ihr Motto: „Die werden das schon richten.“

Doch wenn es keine Diskussionen mehr gibt, setzen sich die durch, die am lautesten schreien. Das ist umso leichter, je mehr die Mehrheit träge schweigt.

 

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