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Leonardo da Vinci - der Stratege

Von Michael Hihn

Ein wahres Universalsgenie war Leonardo da Vinci. Es ist unglaublich, in wie vielen Gebieten er seiner Zeit weit voraus war. Und ganz offensichtlich verstand er es sehr gut, den Mächtigen seiner Zeit einen überzeugenden Nutzen für ihre brennendsten Probleme zu bieten. Ein Beitrag von Michael Hihn.

Vor 500 Jahren am 2. Mai 1519 starb Leonardo da Vinci. Viel wurde im Jahr 2019 über ihn geschrieben. Doch nirgendwo wurde die Frage behandelt: Wie schafft es ein Mensch, sich aus einfachen und schwierigen Verhältnissen zu einem der bedeutendsten Künstler, gefragtesten Berater und besten Ingenieure seiner Epoche zu entwickeln?

Denn Leonardo da Vinci war schon zu Lebzeiten eine Legende. Am Ende seines Lebens lebte er im Herrenhaus von Schloss Ambois, das ihm König Franz der I. zur Verfügung gestellt hatte. Ausgestattet zusätzlich mit einer fürstlichen Rente.

Die Ausgangssituation: Leonardo wurde als Kind einer Liebesbeziehung zwischen einem Notar und einer Bauernmagd am 2. Mai 1452 in Anghiano bei Vinci geboren. Diese Beziehung war nicht standesgemäß und so wurde seine Mutter an einen Bauern wegverheiratet, als Leonardo noch ein Kleinkind war. Sein Vater heiratete noch im selben Jahr eine andere Frau. Er wuchs im Hause seiner Großeltern auf.

Als uneheliches Kind war ihm sowohl eine akademische Bildung als auch die Aufnahme in die Zünfte der Handwerker verwehrt. Hinzu kommt, dass die Renaissance gekennzeichnet war durch wechselnde Machtverhältnisse, durch Kriege und Pestilenzen. Manche seiner Weggefährten sind umgekommen, ja zum Teil grausam ermordet worden.

Im nachfolgenden Artikel will ich versuchen der Ausgangsfrage nachzugehen. Dabei werde ich meine Ausführungen in die vier Ebenen unternehmerischen Denkens und Handelns gliedern die u. a. (siehe Literaturverzeichnis am Ende des Artikels) im Manager-Wiki beschrieben sind.

Leonardos Haltung auf der geistigen Ebene

Wenn wir die Bilder von Leonardo betrachten. (z.B. Die Felsgroten-Madonna, Leda mit dem Schwan, Mona Lisa und weitere ) so fällt auf, dass Leonardo die Menschen meistens vor dem Hintergrund einer sehr detailreich und sorgfältig gemalten Landschaft positioniert hat. Nicht nur an diesen Beispielen wird deutlich, dass Leonardo den Menschen als einen Teil der Natur sah und nicht, wie es die damals dominierende römisch katholische Kirche postulierte, als Göttliches Wesen.

Leonardo sah den Menschen als Teil der
Natur und nicht als Göttliches Wesen.

Leonardo hatte eine große Ehrfurcht vor der Schöpfung und war, zumindest im fortgeschrittenen Alter, Pazifist und Vegetarier. Den Vogelhändlern kaufte Leonardo die Tiere ab, um ihnen vor den Augen der Händler die Freiheit zu schenken. Hier einige seiner Zitate: „Es wird die Zeit kommen, da das Verbrechen am Tier genauso geahndet wird, wie das Verbrechen am Menschen“; „Wer das Leben nicht schätzt, der verdient es nicht“.

Das Leonardo auch Kriegswaffen entwickelte, ist auf den ersten Blick irritierend. Es zeigt jedoch, dass er im Leben wie jeder von uns, eine persönliche Entwicklung durchlebte, die ihn zu neuen Erkenntnissen und Weisheiten reifen ließ.

Der Philosoph Karl Jaspers hat über ihn geschrieben: „Er lebte nicht im autoritären Totalwissen sondern im fragenden und findenden Voranschreiten“.

Leonardos strategisches Denken und Handeln

Wer die Liste seiner Auftraggeber betrachtet kommt zu dem Schluss: Seine Zielgruppe waren die Mächtigsten und Zahlungskräftigsten seiner Zeit. Ich erkläre die Mewes-Strategie immer am Bild „Strategem der schiefen Schlachtordnung“. Konzentriere deine Stärken auf einen Punkt und löse damit die am brennendsten empfundenen Probleme einer eng umrissenen Zielgruppe. Wie Leonardo nach diesem Strategem vorging, will ich an zwei Beispielen erläutern.

Es war das Jahr 1482. Leonardo arbeitete in der Bildhauer- und Kunstwerkstatt des Andrea del Verocchio in Florenz. In diesem Jahr erhielt Leonardo eine Empfehlung von den Medici, auf einer von ihm konstruierten Leier am Hofe des Ludovico Sforza in Mailand vorzuspielen. Dieser war von Leonardo sehr beeindruckt. Interessant ist jedoch das Bewerbungsschreiben und die Tätigkeit für die sich Leonardo am Mailänder Hof bewarb.

„Mein erhabener Herr – jetzt da ich die Erfindungen all derjenigen, die sich für Meister und Experten der Kriegsmaschinen halten, genügend betrachtet und bedacht habe, und da ich festgestellt habe, dass Funktionsprinzip und Leistung dieser Maschinen sich in keiner Weise von den allgemein gebräuchlichen unterscheiden, so möchte ich – ohne andere herabsetzen zu wollen – die Aufmerksamkeit Ihrer Excellenz erheischen, um Ihnen meine Geheimnisse darzulegen und diese Ihnen dann zu Ihrer vollsten Verfügung zu stellen, um – wenn die Zeit reif ist – all diejenigen Dinge, die ich hier kurz aufführe, zur wirkungsvollen Anwendung zu bringen“

Er lebte nicht im autoritären Totalwissen sondern
im fragenden und findenden Voranschreiten.

Im Zuge des Bewerbungsschreibens (um 1482/83) skizzierte Leonardo einige martialisch aussehende Kriegswaffen wie u. a. eine Riesen-Armbrust und einen Sichelwagen.

Leonardo bewarb sich also nicht als Musiker sondern als Konstrukteur für Kriegswaffen, denn er hatte wohl in Erfahrung gebracht, dass zu dieser Zeit das am drängendsten empfundene Problem des Ludovico Sforza nicht die Anhörung schöner Musik war, sondern die Herausforderung, bei der Unterstützung des Herzogtums Ferrara, mit seinen Truppen im Salzkrieg gegen die Venezianer erfolgreich zu bestehen.

Ein weiteres Beispiel: Ludovico Sforza war nicht der rechtmäßige Herrscher über das zur damaligen Zeit reichste Herzogtum in Italien. Gemäß der Erbfolge war dies dessen Neffe Galeazzo II Maria Sforza der Sohn seines 1476 ermordeten älteren Bruders.

Ludovico führte sozusagen die Amtsgeschäfte stellvertretend für seinen Neffen. Das große Problem für Ludovico war, er musste 1490 das Vertrauen der jungen Gemahlin des Neffen gewinnen, um seine Machtposition zu festigen. Und so wurde zu Ehren der jungen Gemahlin Isabella von Aragon ein großes Fest veranstaltet, das als das so genannte „Paradiesfest“ berühmt wurde.

Leonardo bewarb sich erfolgreich für die Ausgestaltung und Regie dieses Events. Die Bühnentechnik und Choreografie wurde in einem Film nachgestellt der im Internet (einfach mit den Stichworten „Paradiesfest“ und „Leonardo da Vinci“ googeln) zu finden ist. Wer sich diesen Film betrachtet, wird verstehen, warum Leonardo später sagte. Mit der Malerei hätte ich nie die Berühmtheit erlangt, die mir dieses Fest eingebracht hat.

Zusammenfassend lässt sich an solchen Beispielen feststellen, dass das jeweils am brennendsten empfundene Problem der Mächtigsten und Zahlungskräftigsten seiner Epoche je nach Situation wechselte zwischen Durchsetzung in militärischen Auseinandersetzungen, sich verewigen in Statussymbolen und Denkmalen, der Ausgestaltung von rauschenden Festlichkeiten oder der Versorgung der Landwirtschaft mit Wasser, um die Erträge zu steigern. Leonardo hatte immer eine Lösung parat.

Was bei weiterer Betrachtung der strategischen Vorgehensweise von Leonardo da Vinci auffällt ist:

  1. Das konsequente schriftliche Denken. Er hat über 20. 000 Blätter bezeichnet und beschrieben, davon sind uns bis heute leider nur etwa ein Drittel erhalten geblieben.
  2. Das Forschen in die Tiefe der Zusammenhänge. So sezierte er heimlich auch Leichen, um das Zusammenspiel von Sehnen und Muskeln zu ergründen oder die Entstehung von Mimik und Gestik. Leonardo war im Übrigen der erste Anatom, der die Arteriosklerose als Ursache für den Herzinfarkt erkannte und beschrieb.
  3. Er suchte ständig den Erfahrungsaustausch mit fähigen Menschen. Der Biograf Giorgio Vasari schrieb dazu: „Mit natürlicher Freigiebigkeit bot er seinen Freunden Aufnahme und Bewirtung, gleichviel, ob sie arm oder reich waren, wenn nur Geist und Trefflichkeit sie zierten“.

Leonardos Denken und Handeln in der operativen Ebene

Um sich voll auf seine Aufträge oder seine Forschungen zu konzentrieren, delegierte er die häuslichen Tätigkeiten auf Bedienstete. So schrieb Vasari über ihn. „Obgleich er nichts besaß und nur wenig arbeitete, hielt er sich ständig Bedienstete und vor allem Pferde.“

Leonardo löste das jeweils am brennendsten
empfundene Problem der Mächtigsten seiner Epoche.

Leonardo nahm sich auch die notwendige Zeit zum schöpferischen Nachdenken und Reflektieren und verteidigte sich vehement gegen äußeren Druck. In diesem Kontext ist eine Geschichte erwähnenswert, die sich im Zusammenhang mit seinem berühmten Werk „Das letzte Abendmahl“ im Refektorium des Klosters Santa Maria delle Grazie in Mailand ergab.

Dem Prior des Klosters war aufgefallen, dass Leonardo oft tagelang nicht an dem Werk arbeitete. Manchmal kam er, betrachtete stundenlang sein Werk und ging wieder, ohne einen einzigen Pinselstrich ausgeführt zu haben. Nachdem sich der Prior dies einige Zeit angesehen hatte, beschwerte er sich bei dem Auftraggeber Ludovico Sforza über den schleppenden Projektfortschritt. Leonardo wurde von Ludovico zur Rede gestellt und antwortete laut einem Bericht eines Zeitgenossen wie folgt: „Ich brauche nur noch den Kopf des Judas zu malen, des großen Verräters wie ihr alle wisst, und der es deshalb verdient, mit einem Gesicht gemahlt zu werden, das seine ganze Bosheit zum Ausdruck bringt...

Unter den Erfolgsbeispielen der Mewes-Strategie
hätte er einen wichtigen Platz verdient gehabt.

Und so gehe ich schon seit einem Jahr oder länger jeden Tag, des Morgens und des Abends, ins Borghetto, wo alle gemeinen und hässlichen Gestalten leben, die meisten böse und verkommen, in der Hoffnung, ein zu diesem boshaften Menschen passendes Gesicht zu sehen. Und bis heute habe ich noch keines gefunden... und falls ich keines finde, werde ich das Gesicht dieses ehrwürdigen Paters Prior nehmen müssen.“

Leonardos Denken und Handeln auf der finanziellen oder Ertragsebene

Ganz offenbar ging er mit den Ressourcen, die ihm zur Verfügung standen, recht sorgsam um. In seinen Aufzeichnungen finden sich immer wieder Notizen zu Ausgaben, die er hatte. Leonardo war es auch, der den Franziskanermönch und Mathematiker Luca Pacioli dazu ermutigte, die doppelte Buchführung zu beschreiben. Dadurch entstand die erste ausführliche Bilanz-Beschreibung in italienischer Umgangssprache.

Leonardo lieferte dazu die passenden Illustrationen. Er war offenbar auch darauf bedacht, seine Einkünfte nachhaltig und außerhalb jeglicher Inflationsgefahr zu sichern. So ließ er sich von Ludovico Sforza für offene Forderungen einen Weinberg schenken und von König Franz dem I. die Konzession, Wasser an Bauern zu verkaufen.

Wer sich intensiv mit Leonardo da Vinci beschäftigt, kommt zu dem Schluss:
Er war einer der ersten Kybernetiker und hätte als erfolgreicher „Wissensunternehmer“ in der Beschreibung von Erfolgsbeispielen im Rahmen der Mewes-Strategie einen wichtigen Platz verdient gehabt.


Weitergehende Informationen zu diesem Artikel:

Buchempfehlungen zu Leonardo

  • „Leonardo da Vinci die Biografie“ von Walter Isaacso
  • „da Vincis Vermächtnis“ von Stefan Klein 
  • „Isabella von Aragon und ihr Hofmaler Leonardo da Vinci“ die Sforza III von Maike Vogt-Lüerssen
  • „Leonardo da Vinci sämtliche Werke“ von Frank Zöllner

 

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