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Konzentriere dich auf das Kernproblem!

Von Prof. h.c. Wolfgang Mewes

Wer an der richtigen Stelle „den Knopf“ drückt – sprich, den systemrelevanten Engpass löst – kann sich darauf verlassen, dass die Selbststeuerungsprozesse des Systems aktiviert werden und gewisse Kettenreaktionen ablaufen. Dann braucht man sich eigentlich nur noch zurücklehnen und auf den nächsten Engpass zu warten. „Leider hatte man diese Entdeckung bisher nicht weiterentwickelt“, konstatiert Wolfgang Mewes in einem Beitrag aus 2008.

Jedes wirtschaftliche Handeln hat neben den finanziell-materiellen Folgen, die das betriebswirtschaftliche Rechnungswesen erfasst und dem Kalkulation und Planungen zugrunde liegen, auch mehr oder weniger unterbewusste immaterielle Folgen. Und zwar nicht nur psychisch-emotionale und soziale, sondern auch ökologische, gesundheitliche, politische und sogar kulturelle.

Sie bleiben bisher unberücksichtigt, aber sie können den errechneten Gewinn unsichtbar in einen tatsächlichen Verlust verwandeln. Und zwar in einen Verlust an zukünftiger Anziehungskraft, Ertragskraft und Gesamtwert des Unternehmens. Beispielsweise nicht nur durch eine Änderung in der Einstellung der Mitarbeiter, sondern auch dadurch, dass eine verärgerte Bevölkerung zunehmend für eine Erhöhung der Steuern und Belastungen für die Unternehmen stimmt, obwohl sie dadurch ihre eigenen Arbeitsplätze und ihre Zukunftschancen verringert.

Es greift eben vieles ineinander, nur wusste man bisher nicht, wie. Ein damals viel zitierter Satz war: „Den Wert eines Unternehmens, wie es in den Bilanzen geschieht, nach dem Wert seines Sach- und Geldvermögens zu ermitteln, ist so, wie wenn man den Wert eines Menschen nach dem Kilopreis für Frischfleisch ermittelt: seine geistigen, seelischen und sozialen Werte bleiben unberücksichtigt.“ (…)

I.d.S. versuchten wir „Humanbilanzen“ zu entwickeln. Nämlich die immateriellen Folgen des betrieblichen Handelns, die bisher unberücksichtigt blieben, zusätzlich zum Zahlenwerk der Bilanzen durch ein Kennziffern-System zu erfassen. Beispielsweise durch Kennziffern für die wachsende Zu- oder Abneigung bei den Mitarbeitern oder Kunden, für die Entwicklung der „sozialen Anziehungskraft“, des Innovationstempos, der Marktstellung, der Machtverhältnisse auf dem relevanten Markt usw. Die daraus entstandene EKS-Spannungsbilanz ist übrigens, gemessen am naturwissenschaftlichen Hintergrund, in Theorie und Praxis weiter als die in die gleiche Richtung zielende Balanced Score Card aus den USA.

Die EKS ist längst einen entscheidenden Schritt weiter. Irgendwann in den 1960er-Jahren entdeckte ich, dass es so, wie wir und andere es mit diesen zusätzlichen Kennziffern-Systemen versuchten, nicht geht. Denn je gründlicher man in die immateriellen und speziell unterbewussten Zusammenhänge vordringt, desto stärker wird einem die „Komplexität“ bzw. Ganzheit allen Geschehens bewusst. Alles hängt irgendwie mit allem anderen zusammen. Nicht nur in der Natur, sondern auch in Karriere, Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der jeweilige Engpassfaktor hat eine
Schlüsselstellung für die Entwicklung des Systems.

Übertreibe ich beispielsweise die üblich gewordene Gewinnmaximierung, verärgere ich nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Kunden, die Journalisten, die Öffentlichkeit, die Wähler und deren Verärgerung wirkt in vielfältiger Weise auf mich und meine Entwicklung zurück. Andererseits: Vergrößere ich meinen Nutzen für meine Umwelt, vergrößert sich deren Interesse und werde ich von ihr durch wachsende Nachfrage, wachsenden Umsatz, stärkeres Umworbensein usw. in meinen Erfolgen und meiner Entwicklung unterstützt. (...)

[Seit Justus von Liebig wissen wir bzgl. Pflanzenwachstum:] Erforscht der Mensch den entscheidenden Mangel und düngt diesen hinzu, ergibt sich eine regelrechte Kettenreaktion von automatischen Folgen: Stoffwechsel, Wurzelbildung, Zweige, Blätter, Photosynthese, Knospen, Blüten, Früchte bzw. Erträge verbessern sich. (…) Das bedeutet, dass der jeweilige Engpassfaktor für die Entwicklung einer Pflanze eine Schlüsselstellung hat. Von ihm her kann man ihre Entwicklung beschleunigen, aber auch bremsen. Genau betrachtet, löst man von ihm her eine ganz automatische Kettenreaktion von Tausenden automatischer Folgen aus. Denn wie der Fall Liebig zeigt, hören diese Kettenreaktionen nicht mit der besseren Entwicklung der Pflanzen und ihrer Erträge auf, sondern setzen sich in den wirtschaftlichen, sozialen und auch politischen und kulturellen Verhältnissen fort.

Im Falle Liebigs verbesserten sich kettenreaktionsartig die Gewinne der Landwirte, die Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung, ihr Wohlstand, ihre wirtschaftliche und geistige Bewegungsfreiheit und Aktivität und die ganze volkswirtschaftliche Entwicklung. Aber auch Liebig selbst profitierte von diesen Kettenreaktionen: Er wurde berühmt, wurde auf einen wichtigeren Lehrstuhl berufen, zog weltweit Scharen von Studenten an, verbesserte den Ruf der deutschen Wissenschaft, wurde deren Präsident usw.

Das ist eine gar nicht übersehbare Fülle von Kettenreaktionen! Und alle aus einem einzigen Grund: Alles nur, weil Liebig ein Kern- bzw. Engpassproblem erkannt hatte und sich konsequenter als andere auf seine Lösung konzentrierte. Ohne Liebigs Verdienste schmälern zu wollen: Mit außergewöhnlicher Intelligenz oder Genialität hat das, im Gegensatz zur herrschenden Meinung, nichts zu tun, sondern nur mit Strategie, nämlich der konsequenteren Suche nach dem jeweiligen Engpassfaktor und seiner Lösung. Das kann jeder.

Löst man das Kernproblem, lösen sich viele
andere Probleme automatisch von selbst.

Wer nun glaubt, dass das nur in den biologischen Systemen wie Pflanzen funktioniert, aber nicht in den wirtschaftlichen Systemen wie Mensch, Unternehmen und Markt, der irrt. Schon vor mehr als einem Jahrhundert haben die Volkswirtschaftler entdeckt, dass man nur den Diskontsatz zu senken oder zu erhöhen, d.h. die Geldmenge einer Volkswirtschaft zu erhöhen oder zu vermindern braucht, um die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft, d.h. von Milliarden von Einzelprozessen, zu beschleunigen oder zu bremsen. Das ist praktisch die gleiche Wirkung, wie sie Wasser auf trockene Pflanzen hat.

Leider hatte man diese Entdeckung, dass man vom jeweiligen Engpass- bzw. Kernproblem derart geradezu phantastische Kettenreaktionen auslösen kann, bisher nicht weiterentwickelt.

Die merkwürdige Wirkung der Kernprobleme: Jeder kennt die Wirkung von Kernproblemen. Zwischen einer mehr oder weniger großen Zahl von Problemen nehmen sie eine Schlüssel- bzw. Knotenstellung ein. Die Folge dieser Schlüsselstellung ist: Löst man das Kernproblem, lösen sich viele andere Probleme automatisch von selbst und wird die Lösung aller übrigen Probleme leichter. Der Fall Liebig ist ein Beispiel dafür.

Genau betrachtet, ist das eine höchst erstaunliche, aber bisher wenig erforschte Wirkung. Ihre Ursachen sind: erstens die bisher unsichtbare und wenig erforschte Vernetzung und zweitens die Selbstorganisationsautomatismen der Natur. Alles in der Natur organisiert sich praktisch von selbst. (...) Schneiden wir uns beispielsweise in den Finger, heilt das ganz von selbst. Auch ganz von selbst wächst der Körper des Säuglings zum Erwachsenen heran. Der Mensch kann allenfalls dabei helfen.

Haben Sie mal überlegt, wie viel körperliche Einzelvorgänge und welche gegenseitige Koordination der Vorgänge dafür erforderlich sind? – Das macht die Natur ganz von selbst und im Grunde besser, vor allem dosierter, als der Mensch es könnte.

Dass viele Probleme unsichtbar miteinander vernetzt sind, ist schon bisher bekannt. Doch bisher hielt man diese Vernetzung für zufällig. Für eine Art zufälliger Verfilzung. Die EKS zeigt nun meines Wissens zum ersten Mal auf, dass diese Vernetzung nicht zufällig ist, sondern eine ganz bestimmte, in allen Systemen der Natur erkennbare Struktur hat.

Sie ist konzentrisch: Das bedeutet, dass sich alle anderen Probleme um ein einziges zentrales Kernproblem gruppieren. Es wirkt wie ein Knoten. Daher kommt es, dass wenn das zentrale Kernproblem gelöst wird, sich die meisten anderen Probleme automatisch von selber lösen und das Lösen der restlichen leichter wird.

Ein gefährliches Kennzeichen unserer heutigen Zeit ist, dass uns letztlich allen die Probleme über den Kopf wachsen. Sie vermehren sich vielerorts schneller als sie gelöst werden. Die Kurzsichtigeren merken es nur nicht. Durch die-se konzentrische Vernetzung der Probleme gibt es zwei grundverschiedene Wege der Problemlösung: Erstens den bisher gewohnten Weg, jedes Problem isoliert für sich zu betrachten und isoliert von den anderen zu lösen.

Betrachte Probleme nicht isoliert, sondern
untersuche, welches Kernproblem sie zusammenhält.

Das ist erstens wenig effektiv, verzettelt zweitens die Überlegungen und Kräfte und stolpert drittens über die unsichtbar zwischen den Problemen vorhandenen Vernetzungen. Man wirkt wie ein Elefant im Porzellanladen. In dem Bemühen, das eine Problem zu lösen, beschwören wir über diese unsichtbaren Vernetzungen zig neue und meist schwerere herauf. Daher der zynische Satz, dass die Politiker für die Lösung von Problemen bezahlt werden, die sie vorher selbst geschaffen haben. (...)

Der zweite Weg ist, die konzentrische Vernetzung der Probleme zu benutzen und statt sich über die heute verwirrend vielen Probleme einer Karriere bzw. eines Unternehmens zu verzetteln, nach dem jeweiligen zentralen Kernproblem (dem zentralen Knoten) zu suchen. Durch die Konzentration aller Kräfte auf dessen Lösung lösen sich dann die meisten anderen Probleme automatisch von selbst (und zwar besser als sie einzeln gelöst werden können) und die Lösung aller restlichen wird leichter. Das hat nicht zuletzt den Vorteil „naturkonform“, d.h. mit den Entwicklungsprozessen der Natur überein zu stimmen, und deshalb „nachhaltig“ zu sein.

Das klingt wie ein Märchen. Aber wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wird diesen zweiten Weg – mehr oder weniger konsequent, manchmal auch nur zufällig realisiert – als eigentliche Ursache hinter den außergewöhnlichen, zunächst unerklärlichen Ausnahmeerfolgen erkennen.

Es bedarf wohl keiner weiteren Erklärung, dass dieser zweite Weg, seine Probleme zu lösen, um ein Vielfaches effektiver bzw. erfolgreicher ist als der bisher übliche Weg der isolierten Einzellösung. Man löst seine Probleme nicht mehr einzeln, sondern „en gros“. Wenn sich eine Pflanze so kurzsichtig wie wir verhalten würde, ginge sie ein. Für manchen mag das noch ziemlich utopisch klingen. Aber es geht diesmal wieder darum, „das Eis zu brechen“ bzw. die uns anerzogene Kurzsichtigkeit zu überwinden.

 

 

 

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