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Die Kernprobleme wurden nicht gelöst

Von Prof. h.c. Wolfgang Mewes

In der Finanzkrise im Jahr 2008 schrieb Wolfgang Mewes für das Strategie Journal einen Beitrag mit dem Titel: „Jetzt wird es ernst!“ Dieser sei hier – aus aktuellem Anlass – in Auszügen wiedergegeben. Seither hat sich unser Finanzsystem nicht wirklich erholt. Die Corona-Krise könnte einen längst überfälligen Dominoeffekt auslösen. Wenn Sie sich Gedanken über die Krise machen und über die Zukunft Ihres Unternehmens nachdenken, lesen Sie unbedingt den folgenden Beitrag. Hätte man damals auf Mewes gehört, wäre es nie so weit gekommen.

Fast unmerklich verändert sich unser Denken. Es passt sich an die schneller und schneller werdenden Veränderungen der technischen, wirtschaftlichen, sozialen, politischen und ökologischen Verhältnisse an. Es würde sich schneller und gezielter ändern, wenn es nicht von einem vom Staat überregulierten Bildungs- und Wissenschaftswesen gebremst und fehlgeleitet würde.

Die Kluft zwischen dem uns anerzogenen Denken und Handeln und dem erforderlichen ganzheitlichen Denken und Handeln wächst. Das ist gefährlich. Denn das oberste aller Entwicklungs- und Erfolgsgesetze ist, dass „der Erfolg jedes Lebewesens von seiner besseren Anpassung an seine Umweltverhältnisse bestimmt wird“ (Charles Darwin). Und Lebewesen sind auch Mensch und Unternehmen. Wer sich nicht oder zu langsam anpasst, wird scheitern.

Das wirtschaftliche Denken hat sich immer
enger auf die kapitalistischen Vorgänge „fokussiert“.

Wie denken wir heute? Wir denken alle – mehr oder weniger – „kapitalistisch“. Nämlich in Einkommen, Einnahmen und Ausgaben, Kosten, Erträgen und Gewinnen. Unter dem Begriff „Gewinn“ verstehen wir den Gewinn an Geld bzw. an Kapital, obwohl man darunter auch den Gewinn an Sympathie, Zuneigung, an „sozialer Anziehungskraft“, an Freunden, Einfluss, Macht, Zufriedenheit, Liebe oder anderem verstehen könnte. Ziemlich unbemerkt hat sich das wirtschaftliche Denken im Laufe der letzten Jahrhunderte immer enger auf diese kapitalistischen Vorgänge „fokussiert“ und das Menschliche, Emotionale und Unterbewusste, das in Karriere, Wirtschaft und Gesellschaft auch eine Rolle spielt, verdrängt.

Noch in der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre haben viele Unternehmer lieber selbst den Gürtel enger geschnallt als Mitarbeiter zu entlassen. Heute rechnet man beispielsweise aus, dass man soundsoviel tausend Mitarbeiter einsparen kann bzw. glaubt, einsparen zu müssen. Weil es einem selbst menschlich „gegen den Strich geht“, engagiert man eine darauf spezialisierte Unternehmensberatung und entlässt die Mitarbeiter aus den gewohnten Lebensverhältnissen ins Ungewisse.

Das scheint gut für den Gewinn zu sein, aber es ist mit Sicherheit schlecht für die psychisch-emotionalen, sozialen und letztlich auch politischen Verhältnisse. Denn unmerklich, aber stetig verschlechtert sich die Einstellung der Mitarbeiter, der Kunden, der Journalisten, aber auch der gesamten Öffentlichkeit gegenüber dem Unternehmen bzw. den Unternehmen und dieser Wirtschaftsordnung insgesamt.

Die Manager sagen, das sei zwar hart und es fiele ihnen auch selber schwer, aber um international konkurrenzfähig zu bleiben, müsse das so sein. Ist das so? – Immer mehr Manager sind zu Funktionären geworden. Zu Funktionären der (vermeintlichen) Gewinnmaximierung. Sie entscheiden primär danach, was sie für die Entwicklung von Gewinn und Kapital für richtig halten und nicht danach, was für die Entwicklung der Menschen, der Zusammenarbeit und der Gesellschaft richtig wäre.

Die EKS zeigt jedoch inzwischen völlig logisch auf, dass sich mit der besseren Entwicklung der Menschen und der Gesellschaft auch die Gewinne und die Kapitalverhältnisse verbessern würden. Und zwar, wie inzwischen nachgewiesen ist, stärker und vor allem nachhaltiger als jemals zuvor. – Nur ist es eben leider ziemlich schwer, ein Denken und Handeln, das über die Jahrhunderte zu einer Art zweiter Natur geworden ist, zu ändern.

Ein erster Ausbruch aus dieser Denkweise waren 1958 meine Lehreinheiten „Alle Bilanzen sind falsch“. Denn jedes wirtschaftliche Handeln hat neben den finanziell-materiellen Folgen, wie sie Rechnungswesen, Bilanz, Kalkulation und Planung berücksichtigen, auch immaterielle Folgen, die sie nicht berücksichtigen. Diese immateriellen Folgen sind weitgehend unterbewusst und werden deshalb ignoriert.

So hat jede wirtschaftliche Entscheidung neben ihrer Wirkung auf Kosten, Umsatz und Gewinn auch Wirkungen auf die Psyche der Mitarbeiter, der Kunden, das Bild (Image) des Unternehmens in der Öffentlichkeit, seine „soziale Anziehungskraft“ auf tüchtige Mitarbeiter und seine ganzen gesellschaftlichen Machtverhältnisse.

Beispielsweise kann das Einsparen von Kosten zwar positive Wirkungen auf den unmittelbaren „Gewinn“, aber negative auf das Engagement, die Identifikation und Kreativität der Mitarbeiter haben bis hin zu einer Änderung ihrer politischen Einstellung und ihres Wählerverhaltens. Es kann auch negative Wirkungen auf das Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit haben, auf seine Marktstellung und damit seinen Wert.

Umgekehrt kann eine Beteiligung der Mitarbeiter am Gewinn zwar zunächst den Gewinn schmälern, aber über eine unterbewusste Veränderung ihrer Einstellung, z.B. ihrer Motivation bzw. ihres inneren Antriebes, ihres Engagements, ihrer Flexibilität, Kreativität und ihres Am-gleichen-Strick-Ziehens, den Gewinn langfristig sehr viel stärker steigern. (…)

Verkehrte Welt: Die allermeisten glauben nach wie vor, dass man, um möglichst viel zu verdienen, seinen Kunden möglichst hohe Preise abfordern und seinen Mitarbeitern möglichst niedrige Löhne bezahlen müsse. (…) Robert Bosch hat gesagt: Er habe so viel verdient, weil er seinen Arbeitern höhere Löhne als alle anderen bezahlt habe. Längst vergessen ist: Henry Ford I hat die Preise für seine Autos fortwährend gesenkt, ihre Qualität verbessert, die Löhne seiner Arbeiter erhöht und trotzdem – tatsächlich aber deshalb – sehr viel mehr verdient als alle anderen. (...)

Jedes wirtschaftliche Handeln hat neben den
finanziell-materiellen auch immaterielle Folgen.

FAZIT: Alle Bilanzen – und unser ganzes Rechnungswesen – sind kurzsichtig. Sie lassen uns Entscheidungen für richtig halten, die in Wirklichkeit falsch sind und Entscheidungen für falsch halten, die in Wirklichkeit richtig sind.

Kurz gesagt: Jedes wirtschaftliche Handeln hat neben den finanziell-materiellen Folgen, die das betriebswirtschaftliche Rechnungswesen erfasst und Kalkulation und Planungen zugrunde liegen, auch mehr oder weniger unterbewusste immaterielle Folgen. Und zwar nicht nur psychisch-emotionale und soziale, sondern auch ökologische, gesundheitliche, politische und sogar kulturelle. Sie bleiben bisher unberücksichtigt, aber sie können den errechneten Gewinn unsichtbar in einen tatsächlichen Verlust verwandeln.

Und zwar in einen Verlust an zukünftiger Anziehungskraft, Ertragskraft und Gesamtwert des Unternehmens. Beispielsweise nicht nur durch eine Änderung in der Einstellung der Mitarbeiter, sondern auch dadurch, dass eine verärgerte Bevölkerung zunehmend für eine Erhöhung der Steuern und Belastungen für die Unternehmen stimmt, obwohl sie dadurch ihre eigenen Arbeitsplätze und ihre Zukunfts-chancen verringert. – Es greift eben vieles ineinander, nur wusste man bisher nicht, wie. (...)

Die Naturwissenschaften machen zunehmend bewusst, dass nicht nur in der Natur, sondern auch in Wirtschaft und Gesellschaft und sogar in Ökologie und Kosmos alles irgendwie mit allem anderen zusammenhängt. Beispielsweise sollen wir ja mit unseren Autoabgasen das Weltklima und damit die ganzen zukünftigen Verhältnisse verändern. – Kurz gesagt: Mensch und Unternehmen sind nicht nur eine Anhäufung von Fleisch, Muskeln und Nerven bzw. von Kapital, Mitarbeitern und Mitteln, sondern komplexe bzw. integrale Systeme in einer komplexen Mitwelt. Wir ähneln darin den Pflanzen, die auch komplexe Systeme in einer komplexen Mitwelt sind. (...)

Die merkwürdige Wirkung der Kernprobleme: Jeder kennt die Wirkung von Kernproblemen. Zwischen einer mehr oder weniger großen Zahl von Problemen nehmen sie eine Schlüssel- bzw. Knotenstellung ein. Die Folge dieser Schlüsselstellung ist: Löst man das Kernproblem, lösen sich viele andere Probleme automatisch von selbst und wird die Lösung aller übrigen Probleme leichter. Der Fall Liebig ist ein Beispiel dafür. .

Genau betrachtet, ist das eine höchst erstaunliche, aber bisher wenig erforschte Wirkung. Ihre Ursachen sind: erstens die bisher unsichtbare und wenig erforschte Vernetzung und zweitens die Selbstorganisationsautomatismen der Natur. [s.a. Minimumgesetz, Justus von Liebig] (…) Ganz von selbst wächst [z.B.] der Körper des Säuglings zum Erwachsenen heran. Der Mensch kann allenfalls dabei helfen. – Haben Sie mal überlegt, wie viel körperliche Einzelvorgänge und welche gegenseitige Koordination der Vorgänge dafür erforderlich sind? – Das macht die Natur ganz von selbst und im Grunde besser, vor allem dosierter, als der Mensch es könnte.

Dass viele Probleme unsichtbar miteinander vernetzt sind, ist schon bisher bekannt. Doch bisher hielt man diese Vernetzung für zufällig. Für eine Art zufälliger Verfilzung. Die EKS zeigt nun meines Wissens zum ersten Mal auf, dass diese Vernetzung nicht zufällig ist, sondern eine ganz bestimmte, in allen Systemen der Natur erkennbare Struktur hat. Sie ist konzentrisch: Das bedeutet, dass sich alle anderen Probleme um ein einziges zentrales Kernproblem gruppieren. Es wirkt wie ein Knoten. Daher kommt es, dass wenn das zentrale Kernproblem gelöst wird, sich die meisten anderen Probleme automatisch von selber lösen und das Lösen der restlichen leichter wird.

Wirtschaftliche Systeme funktionieren nach
dem gleichen Prinzip wie biologische Systeme.

Ein gefährliches Kennzeichen unserer heutigen Zeit ist, dass uns letztlich allen die Probleme über den Kopf wachsen. Sie vermehren sich vielerorts schneller als sie gelöst werden. Die Kurzsichtigeren merken es nur nicht. Durch diese konzentrische Vernetzung der Probleme gibt es zwei grundverschiedene Wege der Problemlösung: Erstens den bisher gewohnten Weg, jedes Problem isoliert für sich zu betrachten und isoliert von den anderen zu lösen. Das ist erstens wenig effektiv, verzettelt zweitens die Überlegungen und Kräfte und stolpert drittens über die unsichtbar zwischen den Problemen vorhandenen Vernetzungen.

Man wirkt wie ein Elefant im Porzellanladen. In dem Bemühen, das eine Problem zu lösen, beschwören wir über diese unsichtbaren Vernetzungen zig neue und meist schwerere herauf. Daher der zynische Satz, dass die Politiker für die Lösung von Problemen bezahlt werden, die sie vorher selbst geschaffen haben. Genauer haben das der Psychologie-Professor Dietrich Dörner in „Die Logik des Misslingens“ und der US-Professor Jay Forrester erforscht. Ergebnis des einen ist „Das Gute wollend schaffen sie das Chaos“ (...), das des anderen: „Staatliche Maßnahmen bewirken in der Regel auf die Dauer das Gegenteil von dem, was sie bewirken sollen.“

Der zweite Weg ist, die konzentrische Vernetzung der Probleme zu benutzen und statt sich über die heute verwirrend vielen Probleme einer Karriere bzw. eines Unternehmens zu verzetteln, nach dem jeweiligen zentralen Kernproblem (dem zentralen Knoten) zu suchen. Durch die Konzentration aller Kräfte auf dessen Lösung lösen sich dann die meisten anderen Probleme automatisch von selbst (und zwar besser als sie einzeln gelöst werden können) und die Lösung aller restlichen wird leichter. Das hat nicht zuletzt den Vorteil „naturkonform“, d.h. mit den Entwicklungsprozessen der Natur überein zu stimmen, und deshalb „nachhaltig“ zu sein. (...)

Es bedarf wohl keiner weiteren Erklärung, dass dieser zweite Weg, seine Probleme zu lösen, um ein Vielfaches effektiver bzw. erfolgreicher ist als der bisher übliche Weg der isolierten Einzellösung. Man löst seine Probleme nicht mehr einzeln, sondern „en gros“. Wenn sich eine Pflanze so kurzsichtig wie wir verhalten würde, ginge sie ein. (...)

 

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