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Das Spatial Web wird das Betriebssystem des Lebens

Dr. Pero Mićić: Was Sie über das Internet der Zukunft wissen müssen

Die Eltviller Zukunftstage 2019 fanden Anfang Februar in der Pyramide Mainz statt. Organisiert von der FutureManagementGroup AG um Dr. Pero Mićić dreht sich bei diesem Event alles um das Thema Zukunft. Welche Trends und Megatrends gibt es? Wie wirken sie sich auf unseren Markt, unser Unternehmen und unsere Geschäftsfelder aus? Wie können wir die darin enthaltenen Chancen nutzen, die Risiken vermeiden? Welches Zukunftsbild wollen wir zeichnen und verfolgen? Dies sind Fragen, die im Rahmen der zweitägigen Konferenz anhand zahlreicher Fallstudien untersucht wurden.

In seinem Einführungsvortrag beschrieb Dr. Pero Mićić das so genannte Spatial Web, was man darunter versteht und was es für unsere Zukunft bedeutet. Die wichtigsten Gedanken seien hier zusammengefasst. Ein ausführlicher Bericht dazu erscheint in der Ausgabe 1/2019 des Strategie Journals. – Von Thomas Rupp

Der Begriff Spatial Web bedeutet wörtlich: räumliches Netz. „Heute ist das Internet flach“, so Dr. Pero Mićić. „Doch wir sind auf dem Weg zur dritten Dimension. Wir gehen nicht mehr ins Internet, sondern dieses kommt da hin, wo wir sind. Das Internet kommt in die Welt.“

Um dies zu ermöglichen, braucht es das Zusammenspiel verschiedener Komponenten, die sich momentan alle parallel und mit einer hoher Dynamik entwickeln.

1  Künstliche Intelligenz
Ein wichtiger Aspekt ist die Künstliche Intelligenz (KI oder Englisch AI = Artificial Intelligence). Lernfähige Systeme sind eine der wichtigen Voraussetzungen für die Auswertung großer Datenmengen. Durch die sich abzeichnenden Anwendungsbereiche gehört künstliche Intelligenz zu den wegweisenden Antriebskräften der Digitalen Revolution. Die erste Konferenz zum Thema „Artificial Intelligence“, die Dartmouth Conference, fand übrigens bereits im Jahr 1956 im US Bundesstaat New Hampshire statt.

2 Internet of Things
Um ein dreidimensionales Netz zu schaffen, muss es zudem möglich sein, alle virtuellen und realen Gegenstände in diesem Netz identifizierbar zu machen. Dafür steht der Begriff Internet of Things (IOT). Jedes Haus, jedes Auto, jedes Werkzeug – ob realer Hammer oder virtuelles Schwert aus einem Computerspiel – bekommen eine IP-Adresse und werden dadurch identifizierbar und adressierbar.

3 Next Generation Computing 
Ein modernes Elektroauto – wie z.B. ein Tesla – produziert täglich, quasi „hinter den Kulissen“ vier Terrabyte an Daten. Diese Datenmengen (z.B. von tausenden Autos) müssen verarbeitet werden. Dazu brauchen und haben wir jetzt viel leistungsfähigere Computerarchitekturen als wir sie bisher hatten – z.B. neuronale Computernetze. Dieser Aspekt des Spatial Web wird unter dem Begriff Next Generation Computing zusammengefasst.

„Warum sprechen wir jetzt – so viele Jahre nach der Dartmouth Conference – so intensiv über Künstliche Intelligenz und Digitalisierung?“ fragt Mićić in seinem Vortrag. „Weil wir seit rund drei bis fünf Jahren die Rechenleistung und die Datenmengen haben, um diese Visionen umzusetzen. Dies ist für die meisten Menschen unmerklich passiert.“

4 Blockchain-Technologie
Das nächste Puzzle-Teil des Spatial Web hat die wichtige Aufgabe, alle Vorgänge, Vereinbarungen, Interaktionen, Kommunikationen, Wechselwirkungen, Beziehungen etc. umfassend und fälschungssicher aufzuzeichnen und zu archivieren – vergleichbar mit einem Buchhaltungssystem. Der Begriff dafür ist Blockchain-Technologie oder auch – in Anlehnung an die doppelte Buchführung – Distributed Ledger Technologie zu deutsch: „verteiltes Haupt- oder Kontenbuch“. Dabei werden alle Daten in unzähligen Kopien dezentral abgelegt und können somit nicht ohne weiteres manipuliert werden.

„So entsteht eine Art Wahrheitstechnologie“, führt Pero Mićić aus. „Wenn wir jetzt bei der Umsetzung des Spatial Web – wie wir es mit Sicherheit tun werden – enorme Ängste entwickeln und um unsere Daten fürchten, ist diese Distributed Ledger Technologie das Element, das uns da beruhigen sollte.“

Wenn das alles funktioniert, produziert jeder Mensch,
mit allem was er erlebt und sieht permanent Daten.

Wenn das alles funktioniert, produziert jeder Mensch, mit dem was er erlebt und sieht permanent Daten. Diese Informationen werden alle archiviert. „Es entsteht quasi das Abbild eines Lebens“, so Mićić weiter. „Jetzt kann jeder selbst entscheiden, welche Daten für wen freigegeben werden sollen und welche nicht: Das Eine teile ich mit der ganzen Welt, und das Andere teile ich mit niemanden. Damit können wir die Wirklichkeit, die passiert ist oder gerade stattfindet, definiert anderen zugänglich machen.“

5 Virtual, Augmented und Mixed Reality
Auch die Bereiche Virtual, Augmented und Mixed Reality sind Fachgebiete, an denen bereits seit den 1980er Jahren gearbeitet wird. Eine erweiterte (augmented) Realität legt sich wie eine Schicht über die tatsächliche Welt und reichert sie mit weiteren Informationen an. Bei der Mixed Reality können das Informationen sein, die uns unabhängig von klassischen Displays im Raum vermittelt werden. Ein wichtiger Aspekt des Spatial Web. Bei der Virtual Reality koppeln wir uns hingegen komplett von der Realität ab und können neue Welten entwerfen und erkunden.

6 Sensorik
Der nächste Aspekt ist die Sensorik. Was beim Menschen die Sinne sind, entspricht bei Maschinen den Sensoren. „Ein Airbus A350 ist mit 6.000 Sensoren ausgestattet. Diese produzieren permanent Daten“, so Mićić. „Dagegen sind unsere Sinne recht spärlich.“ Diese Daten werden dann entsprechend verarbeitet und ausgewertet.

7  3D oder 4D Printing
Reale Gegenstände lassen sich heute recht einfach „virtualisieren“, z.B. indem wir sie digital fotografieren. Auch die 3D-Scanner sind mittlerweile so gut, dass sie die reale Welt im Computer abbilden können. Dies kommt etwa bei der Gebäudeplanung (BIM Building Information Modelling) zum Einsatz. „Ziemlich holprig verläuft allerdings der Weg zurück“, so Mićić, „also aus dem Computer in die Realität. Aus dem virtuellen Modell wieder die Realität herzustellen z.B. durch 3D oder 4D Printing, ist heute noch ein recht langsames Unterfangen.“ Allerdings rechnet Mićić hier schon bald mit einem enormen Zuwachs an Geschwindigkeit.

8 Edge-, Fog- und Cloud-Computing
Eine „Cloud“ bietet allen autorisierten Personen die Möglichkeit, Daten an einem zentralen Ort „im Internet“ abzuspeichern und von allen Orten der Welt und mit allen geeigneten Geräten darauf zuzugreifen. „In der Cloud speichern wir ab, was uns wichtig ist“, so Mićić, „aber die vier Terrabyte die das Auto täglich produziert, sind nicht wichtig. Das sind zum Großteil Wegwerf-Daten. Wichtig sind die Erkenntnisse daraus.“ Um Ressourcen zu sparen, werden die Daten direkt am „Rande des Netzwerks“ (Edge=Rand) dezentral verarbeitet. Auf die relevanten Daten können dann auch andere zugreifen.

Mićić nennt ein Beispiel: Erkennt das Auto ein Schlagloch, so wäre das eine Erkenntnis, die auch für andere Fahrzeuge relevant ist. Und erst wenn aus den Daten vor Ort solch eine Erkenntnis entstanden ist, lohnt es sich, diese in die Cloud zu stellen. Dazu können dann auch Local Clouds („Fog“) genutzt werden, die sich näher an der jeweiligen Anwendung befinden.

9 Robotik
In Kombination mit allen genannten Faktoren des Spatial Web gibt es auch immer mehr Möglichkeiten, Robotic einzusetzen. Hier wurde in den letzten 10 Jahren Unglaubliches entwickelt. Roboter sind heute mehr als Greifarme oder Torsos. „Sie beherrschen z.B. den Rückwärts-Salto besser als wir“, erklärt Pero Mićić. „Mehr und mehr lernen sie, im Team zu arbeiten. Sie beginnen, so auszusehen wie wir. Und sie werden uns zunehmend – quasi als ganzer Körper – physisch überlegen.“

10  5G bzw. xG Netze
Die verschiedenen Mobilfunkstandards zeigen, wie sich die Funknetze während der letzten 25 bis 30 Jahre entwickelt haben: GSM (1G), GPRS (2G), Edge, UMTS (3G), HSPA, LTE, 4G. Es wurde immer schneller möglich, immer größere Datenmengen zu übertragen. So entstand nach der reinen Telefonie das mobile Internet. Jetzt steht mit „5G“ die fünfte Generation des Mobilfunknetzes mit einem weiteren gigantischen Zuwachs an Geschwindigkeit vor der Tür. Dieses wird hauptsächlich von der Industrie genutzt. Sollte z.B. autonomes Fahren möglich werden, sind sehr schnelle Reaktionszeiten über das Internet nötig, um z.B. einem Hindernis auszuweichen etc. 5G bzw. xG (für die nachfolgenden Generationen) sind auch Voraussetzung für das Internet of Things (IOT).

11 Internet Generations
Ein weiterer, wenn nicht der entscheidende Faktor beim Spatial Web sind natürlich die Benutzer. „Es wird immer mehr Menschen geben, für die das alles hochattraktiv ist, die man nicht treiben muss,“ führt Mićić aus. „Bei den Internet Generations brauchen wir keine digitale Transformation als Change Management. Für die wird der Umgang mit dem Spatial Web zum normalen Alltag werden.“

Bringt man alle genannten Faktoren zusammen,
entsteht praktisch ein digitaler Zwilling der realen Welt.

Bringt man nun alle genannten Faktoren zusammen, entsteht praktisch ein digitaler Zwilling der realen Welt – repräsentiert durch das Spatial Web. „Aber vielleicht wird es nicht nur einen Zwilling geben“, so Mićić „sondern auch einen Drilling oder Vierling … vielleicht können wir in Zukunft Multiversen bauen.“ Was Pero Mićić noch vor 15 Jahren als Spinnerei betrachtete, könnte nun mehr und mehr in den Bereich des Möglichen rücken. „Es ist wie in der Anfangszeit des Internets: Damals wussten wir auch noch nicht so genau: Wozu muss ich im Internet sein!? Wie das in Zukunft aussieht, können wir letztlich noch nicht absehen.“

Dr. Pero Mićić empfiehlt, sich unbedingt bereits jetzt mit diesen Entwicklungen zu befassen und sich zu überlegen: „Was entstehen da am Horizont für Chancen? Wie könnten diese unser Zukunftsbild und damit unsere Mission beeinflussen.“

 

 

Kommentare

14.03.2019 / Rene'
Thank you for this breakdown of the work we are doing at VERSES enabling the Spatial Web.
You can fund out more at www.verses.io

 

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