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Deutsche Betriebe sind oft strategisches Niemandsland

Mangelnde Planungen gefährden Wachstum des Mittelstandes

Mehr als zwei Drittel aller deutschen Unternehmen agieren auf der Grundlage einer unvollständigen Strategie. Dies ist eines der Ergebnisse einer wissenschaftlichen Studie der Technischen Universität Clausthal und der Haufe-Akademie. Im Rahmen der Studie wurden 228 kleine und mittelständische Unternehmen zum Thema „Strategie“ befragt. Thomas Kuehn hat die Studie für Sie gelesen und im Folgenden die Ergebnisse zusammengefasst.

Geheimsache Unternehmensstrategie: Meist existieren die strategischen Überlegungen nur in den Köpfen der Firmenleitung. Foto: iStockphoto.com RobertH2255Unterschiedliche Branchenbefragungen haben es bewiesen: Firmen mit einer überzeugenden Strategie erwirtschaften im Durchschnitt zehn bis 15 Prozent mehr Umsatz und Gewinn als ihre Mitbewerber. Doch wie sieht es mit der strategischen Kompetenz in kleinen und mittelständischen deutschen Unternehmen aus?

Das hat die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Technische Universität Clausthal gemeinsam mit der Haufe-Akademie untersucht. Die Ergebnisse der Untersuchung sind alarmierend. Überspitzt könnte man sagen: Deutsche Betriebe sind strategisch gesehen nicht auf der Höhe der Zeit.

Strategie: Zwischen Theorie und Praxis

Die befragten Unternehmer sind sich zwar mehrheitlich darin einig, dass eine Unternehmensstrategie großen Einfluss auf den Erfolg des Betriebes hat. Doch meist existieren die strategischen Überlegungen nur in den Köpfen der Firmenleitung. Sie sind in der Regel nicht schriftlich fixiert. Zudem werden Strategien für das Gesamtunternehmen nur selten und nicht vollständig in allen Ebenen des Unternehmens umgesetzt.

Oft sind die strategischen Überlegungen nicht zu Ende gedacht, berücksichtigen beispielsweise unternehmensinterne und externe Faktoren nicht. Obwohl die meisten Unternehmer die Instrumente und Methoden für strategisches Handeln kennen, werden sie in KMUs in der Regel nicht eingesetzt.

Viele Unternehmer brauchen externe Hilfe

Für Unternehmer und Unternehmensberater ergeben sich aus diesen Ergebnissen wichtige Konsequenzen für ihre Arbeit. „Firmenbesitzer sollten sich nicht scheuen, externe Hilfe zu suchen. Gemeinsam sollten dabei die strategischen Überlegungen konsequent analysiert und auf ihre Tragfähigkeit hin untersucht werden“, erklärt der Präsident des Bundesverbandes Strategieforum e.V., Peter Sawtschenko.

Deutsche Betriebe sind

strategisch gesehen nicht

auf der Höhe der Zeit.

Berater müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Ausarbeitung der Strategie bei kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht ausreicht. Sie müssen im Prinzip alle Maßnahmen vorausdenken, die zur Umsetzung der Strategie in den Lebensalltag eines Betriebes notwendig sind. Dazu gehört auch die Implementierung von Kontrollmechanismen.

Sawtschenko: „Effiziente Unternehmensberatung sollte deshalb nicht nur als eine punktuelle Aufgabe angesehen werden, sondern als ein begleitender Prozess, bei dem der Berater den Erfolg der eingeleiteten Maßnahmen kontrolliert und immer wieder den realen Umständen anpasst.“


Die Strategie gibt es oft nur im Kopf

Tabula rasa... bei rund 42% aller befragten Unternehmen bleibt das Blatt mit der Unternehmensstrategie leer. Foto: iStockphoto.com fotostorm

Jetzt die Ergebnisse im Einzelnen. An der Studie haben sich insgesamt 228 Betriebe beteiligt. 89 Prozent der Befragten gaben an, dass sie eine Unternehmensstrategie besitzen. Doch nur 57,5 Prozent der Befragten haben die auch schriftlich fixiert. Die Wettbewerbsstrategie liegt nur bei 39 Prozent der Firmen schriftlich vor. Eine Funktionsstrategie nur bei 32 Prozent.

Das Wissenschaftler-Team um Prof. Wolfgang Pfau bewertet diese Zahlen. „Dies bedeutet zwangsläufig, dass sich Handlungen im Unternehmen nur sehr bedingt auf angestrebte strategische Positionen des Unternehmens ausrichten lassen und Maßnahmen nur unzureichend auf ihren Zielbeitrag kontrolliert werden können. Es besteht die Gefahr, dass Strategien einer Beliebigkeit unterworfen sind, wenn sie nicht anhand fixierter Zielvorgaben überprüft werden können.“

Kundenorientierung? Manchmal Fehlanzeige

Abgefragt wurden auch die Bestandteile der strategischen Planung. Dabei wurde deutlich, dass ein Viertel der Unternehmen interne Faktoren, wie Fähigkeiten, Kompetenz und Ressourcen nicht als Bestandteil ihrer strategischen Überlegungen sehen. Der Kunde und die Märkte spielen bei 28 Prozent der Befragten keine Rolle bei der Ausarbeitung ihrer Unternehmensstrategie. Nur 67 Prozent sehen den Wettbewerbsvorteil als wichtigen Faktor bei ihren Überlegungen an. „Das bedeutet in der Konsequenz, dass es in diesen Unternehmen keine Kundenorientierung gibt“, erklärt Sawtschenko.

Bei Kooperationen sind Unternehmer skeptisch

Nur 42 Prozent der Befragten gaben an über die Zusammenarbeit mit synergetisch ergänzenden Kooperationspartnern nachgedacht zu haben. Die Autoren der Studie schreiben dazu: „Unter dem Strich ist bei mehr als zwei Drittel der Unternehmen eine unvollständige Strategie vorhanden.“

Strategieprozesse verzögern sich häufig

Defizite räumen die Unternehmer auch bei dem Ablauf von Strategieprozessen ein. Nur 17 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass es bei ihnen dabei zu keinen oder geringen Verzögerungen komme. 47 Prozent der Befragten räumen regelmäßige und 37 Prozent zumindest teilweise Verzögerungen ein. Die Verfasser der Studie stellen fest, dass dadurch steuernde Eingriffe häufig verzögert oder zu spät erfolgen.

Wer eine Strategie nur halbherzig

verfolgt, kann sie in vielen Fällen

auch gleich ganz vergessen.

„Hier liegt ein ganz erhebliches Gefahrenpotenzial für Deutschlands Unternehmen. Denn wer eine Strategie nur halbherzig verfolgt, kann sie in vielen Fällen auch gleich ganz vergessen“, meint Sawtschenko. Er fordert bereits seit Jahren das neue Berufsbild des strategischen Positionierungsmanagers in deutschen Betrieben. Sawtschenko: „Die zielgenaue Positionierung ist dabei die wichtigste Voraussetzung, um hinterher strategisch zielgenau arbeiten zu können.“

Qualität – ein Differenzierungsmerkmal?

Bei der Frage, wie die jeweiligen Unternehmer einen Wettbewerbsvorteil anstreben, wurde als das Wichtigste eine hohe Qualität genannt. Gefolgt von kundenindividuellen Leistungen, innovativen Produkten und einen umfangreichen Leistungsumfang. Der Preis wurde von den meisten Befragten nicht als Profilierungs-Mittel im Wettbewerb angesehen. Sawtschenko dazu: „Das lässt erahnen, dass die deutschen Unternehmer teilweise noch in alten Bahnen denken. Eine gute Qualität ist doch heute die Voraussetzung, dass eine Firma am Markt bestehen kann. Es ist schon lange kein Differenzierungsmerkmal mehr.“


Viele Unternehmer fühlen sich zu sicher

Zur Umsetzung von Strategie gehört auch die Implementierung von Kontrollmechanismen. Foto: iStockphoto.com gerenme

Auf einer Skala von 1 bis 5 (1 schwach/ 5 stark) sollten die Unternehmer dann einschätzen wie zentrale Wettbewerbskräfte Einfluss auf ihre Unternehmensstrategie haben. Die Änderung der Kundenbedürfnisse wird dabei mit 2,4 als ein mittelstarker Faktor angesehen. Aber nach Einschätzung der Befragten nimmt die Dynamik in diesem Bereich (2,7) tendenziell zu.

Dass neue Produkte oder Leistungen die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen beeinträchtigen, wird als eher gering (1,61) eingeschätzt. Insgesamt sehen die Befragten aber in diesem Bereich ein zunehmendes Gefahrenpotenzial.

Deshalb suchen die meisten Unternehmer permanent nach geeigneten Abwehrstrategien und nach Ersatzprodukten. Die Macht der Lieferanten wird als eher gering (1,72) eingeschätzt, da sie offensichtlich nach Meinung der Befragten im deutschen Mittelstand nicht über eine entsprechende Verhandlungsmacht verfügen.

Eine „gute Qualität“

ist schon lange kein

Differenzierungsmerkmal mehr.

Auch die Gefahr durch neue Konkurrenten wird nur als mittelgroß (2,12) eingeschätzt. „Prinzipiell scheinen deutsche Unternehmer ihre Lage sehr selbstbewusst einzuschätzen. Die Globalisierung und eine sich immer schneller verändernde Welt scheinen kein so zentraler Faktor zu sein. Hier werden wir in Zukunft, je nach Branche, sensibilisieren müssen, damit Gefahrenpotenziale auch in ihrem vollem Umfang erkannt werden“, konstatiert Sawtschenko.

Die meisten Entscheidungen sind intuitiv

Das sehen auch die Verfasser der Studie so. Sie resümieren: „Rationalisierung, Preisdruck, hohe Kundenerwartungen sind nur einige Faktoren, die zur Komplexität der Unternehmensführung beitragen. Um auf diese Faktoren adäquat reagieren zu können, reicht es nicht mehr aus, einmal im Jahr strategisch zu planen, sondern die Unternehmensstrategie muss den ständig wechselnden Gegebenheiten immer wieder angepasst werden.

In der Praxis scheint es jedoch oft einfacher zu sein, Entscheidungen intuitiv zu treffen oder sich auf vorhandene Erfahrungswerte zu verlassen. Um den Unternehmensfortbestand und die erfolgreiche unternehmerische Zukunft zu sichern, reicht das heute jedoch bei weitem nicht mehr aus.“

Der Bundesverband StrategieForum e.V. wird durch diese Studie in seiner Arbeit und Einschätzung der Lage bestätigt. „Es wird in Zukunft darauf ankommen, dass wir unser Know-how noch offensiver nach draußen tragen. Denn wir sind der einzige deutsche Verband, der sich systematisch um die Vermittlung strategischen Wissens bemüht“, erklärt Sawtschenko. 

 

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